Authentisch
BERNDT STEINMANN

Von Ahmed EL-SaLamouny
Er heißt nicht Paco mit Vornamen, ist nicht dunkelhaarig und braungebrannt und auch des Spanischen nur wenig mächtig. Er ist also ein richtiger Ausländer, zumindest für Spanier. Und trotzdem hat es der aus Essen stammende Bernd Steinmann geschafft, sich in der Fl.amenco -Szene zu etablieren.

Seine im AMA-Verlag erschienene Flamencoschule ist ein Verkaufshit und hat den deutschen Musikeditions-Preis des Musikverleger-Verbandes gewonnen. Hört man ihn spielen, sei es live oder auf CD, ist man gefangen von seiner großen Musikalität und von seinem ganz persönlichen Stil, der immer authentisch klingt. Hätte Spanien die Green Card für ausländische Flamenco-Experten - Steinmann würde sie wohl als Erster bekommen.

Bernd, wie kamst du zum Flamenco?

Bernd Steinmann: Das Rhythmische, Melodische und auch das Akkordspiel dieser Musik haben mich immer fasziniert. Neben der Klassik, die ich mit 15 Jahren angefangen habe, ist Flamenco immer ein besonderer Bereich für mich gewesen, mit dem ich mich sehr beschäftigt habe.

Das hat schließlich dazu geführt, dass du eine erfolgreiche Flamenco-Schule geschrieben hast.

Bernd Steinmann: Der Grund ist, dass es sicher wenig deutschsprachige Literatur gibt oder die Lehrbücher auch oft hohe Anforderungen stellen, so dass der durchschnittliche Schüler sich schwer tut. Mir ist der pädagogische Standpunkt sehr wichtig gewesen. Systematik, Verständlichkeit und keine Überforderung, so dass jeder einen schnellen Zugang zu dieser Musik bekommt. Die Besonderheit in der Konzeption des Lehrbuches ist auch, dass jedes Stück eine leichte und eine anspruchsvolle Version hat. Ich kann ja einen Rhythmus wie die Solea mit einer einfachen Melodielinie versehen, die man übrigens in Spanien Falseta nennt, oder kann das Ganze auch komplizierter gestalten. Außerdem habe ich mich sehr um Übersichtlichkeit bemüht.

Mir ist auch aufgefallen, dass deine Picado Übungen, also die Tonleiterübungen, sehr melodisch klingen.

Bernd Steinmann: Bei der Schute ist schon vorausgesetzt, dass man grundlegende technische Anforderungen wie Wechselschlag, Akkordspiel oder einfache Arpeggien beherrscht. Ansonsten glaube ich, dass man Technik immer so vermitteln sollte, dass sie auch Spaß macht. Anstatt immer eine A-Dur Tonleiter rauf und runter zu spielen, kann ich Technik auch mit einer schön klingenden Falseta üben, die ich später gleich in ein Stück integrieren kann.

Verständlichkeit, leichter Zugang - leidet da unter Umständen die Authentizität der Musik? Musstest du zum Beispiel kompliziertere Rhythmen oder Spielstile weglassen?

Bernd Steinmann: Nein, überhaupt nicht. Alle harmonischen, melodischen und rhythmischen Elemente des Flamenco werden besprochen. Eine andere Frage ist, ob ich alles in Zweiunddreißigsteln oder in Sechzehnteln notiere. Wie heißt es so schön: „Das Auge spielt mit“.

Ist es ein Nachteil für dich, dass du kein Spanier bist und du so vielleicht einen schwierigeren Zugang zum Flamenco hast?

Bernd Steinmann: Das muss kein Nachteil sein. Man hinterfragt und lernt Dinge ganz anders, wenn man sie sich erarbeiten muss und nicht in einem natürlichen Umfeld kennen lernt. Man hat auch einen anderen Abstand zur Musik, und das kann sogar ein Vorteil sein, wenn man sie selbst weiter vermitteln will. Man weiß vielleicht viel eher, worin die Schwierigkeiten eines Nicht-Spaniers bestehen Flamenco zu lernen, und das kann didaktisch sehr nützlich sein. Ein anderer Aspekt ist, dass ich nicht nur Flamenco gelernt habe, sondern auch an der Folkwang Hochschule und an der Musikhochschule Wuppertal klassische Gitarre studiert habe. Das akademische Spiel ist von Vorteil, wenn man Musik lehren will.

Spielst du live denn auch Klassik oder bist du auf Flamenco festgelegt?

Bernd Steinmann: Ich kombiniere die Konzertprogramme. Ich spiele auch Werke der klassischen Literatur, wie von Isaac Albeniz und eigene Flamenco-Arrangements. Ich bin eben ein typisches Sternzeichen Zwilling - am 3.6.63 geboren - und habe diese beiden Gesichter: Klassik und Flamenco in einem Konzert. Schwierig ist dabei die unterschiedliche Technik. Flamenco spiele ich gerne mit Fingernägeln, die ich mit Sekundenkleber überziehe, um besser Rasgueados und Golpes spielen zu können. Das wiederum ist für den schönen weichen Ton der klassischen Gitarre nicht so gut. Auch die Haltung ist unterschiedlich, ebenso wie der jeweilige musikalische Grundgedanke. Aber gerade das reizt mich so, zumal es ja dann doch genügend Überschneidungen gibt. Albeniz hat zum Beispiel das Stück „Sevilla“ geschrieben, in Erinnerung an den Flamenco Rhythmus Sevilianas.
Es kann sehr interessant sein, dem Zuhörer Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen der klassischen spanischen Musik und dem Flamenco zu zeigen. Neben den Flamenco-Klassik- Programmen, die ich Solo, im Gitarreduo und mit einer Tänzerin spiele, gibt es auch noch ein rein klassisches Programm mit einer Mezzosopranistin.

Ist es nicht ohnehin so, dass in südlichen Gefilden die klassische Musik sehr stark von der landeseigenen Folklore beeinflusst ist? Ich denke da auch an Lateinamerika. Reizt es dich, die Klassik auch mal anders zu spielen
- mit Flamenco-Touch zum Beispiel?

Bernd Steinmann: Nein, ich trenne da schon sehr deutlich. Albeniz oder Granados, das ist für mich Kunstmusik, die ich auch entsprechend spiele - mit einer anderen Gitarre und einem anderen Klangideal.

Wie und bei wem hast du Flamenco gelernt?

Bernd Steinmann: Ich war mehrere Male in Andalusien. Da kommt der Flamenco her, und da muss man auch gewesen sein, wenn man diese Musik ernsthaft spielen will. Spanische Musiker und Tänzer, mit denen ich zusammenarbeite, merken sofort den Unterschied, ob du dich auch im Land selbst mit der Musik auseinander gesetzt hast oder nicht. Es gibt dort so viele gute Gitarristen, jeder mit einem eigenen Stil. Sie wissen oft gar nicht, was sie so alles machen - in dem Sinne, dass sie keine Noten lesen oder ihre Sachen nicht aufschreiben. Aber man kann dort sehr viel Authentisches mitbekommen. Bei Manuel Diaz, einem Gitarrenbauer und Gitarristen, habe ich sehr viel gelernt. Ich habe auch sehr viel mit ihm gespielt. Das war für mich jedes Mal eine große Inspiration.

Spielst du in Deutschland auch mit Spaniern?

Bernd Steinmann: Ich begleite an der Folkwang - Hochschule den Unterricht eines spanischen Tänzers. Da ist Präzision gefragt, und das ist auch ein gutes Training für mich. Die spanische Rhythmik ist nicht immer einfach zu verstehen. Der so genannte Compas, der Takt oder das Rhythmus-Pattern, ist oft in Zwölfer-Schemata geschrieben. Man fängt aber nicht immer bei eins zu zählen an. Bei der Seguiriya fängt man zum Beispiel bei acht zu zählen an und setzt im Verlauf des Zählens die unterschiedlichsten Akzente. Das muss im Tanzunterricht ständig abrufbar sei. Ich habe mich daran gewöhnt und begleite deswegen auch gerne Tänzer. Die Tänzerin, die ich bei Auftritten begleite, ist allerdings eine Deutsche.

Woher kommt denn dieser Zwölfer-Puls, den du gerade erwähnt hast?

Bernd Steinmann: Die Wurzeln liegen zum Teil in Afrika. Aber auch die indische Musik ist dafür verantwortlich. Mit den Zigeunern kam sie dann nach Europa. Diese Zigeuner stammen aus Nord-West-Indien. Auch die Mauren aus Nordafrika haben Einfluss auf die Musik ausgeübt. Aber Flamenco ist immer eine ständig sich wandelnde Kunst gewesen, die nicht so akademisch ist. Deswegen ist es schwer, sich da so genau festzulegen, wer jetzt wie viel beigetragen hat. In früherer Zeit wurde ja ganz wenig aufgeschrieben, das ist mehr durch praktische Überlieferung passiert. Das heißt, man hat sich die Sachen abgeschaut.

In Spanien redet man oft vom „Duende“, eine Art musikalischer Geist, der in einen fährt und einen den wahren Flamenco spielen lässt. Kannst du dieses Gefühl als Nicht-Spanier nachempfinden?

Bernd Steinmann: Ich glaube, jeder Musiker oder Tänzer kann dieses Gefühl erleben. Ich würde eher von „Ekstase“ sprechen, denn genau das meinen die Spanier mit Duende. Ein bulgarischer Tänzer würde es sicher anders ausdrücken, nach seiner Vorstellung eben. Man muss aus diesem Begriff kein großes Geheimnis machen. Das ist einfach eine besondere Art von Trance, die es in allen Kulturkreisen gibt. Anders formuliert: es ist ein Moment, in dem man nicht mehr über Technik oder andere Gegebenheiten nachdenkt, sondern einfach mit Leidenschaft ganz in der Musik ist. Beim Flamenco werden viele Tänze zum Schluss hin schneller. Das ist auch so ein Element der Steigerung, die einen mehr in die Musik hineinzieht.

Liegt das an der Extrovertiertheit der spanischen Musik, dass man dieses Trance-Gefühl eher erlebt? Man hat ja schon von der Spielweise her den Eindruck - mit all den Rasgeuados und Golpes - dass es bei dieser Gitarrenmusik ziemlich zur Sache geht.

Bernd Steinmann: Ja, das ist schon ein Eindruck, den man haben kann. Ich möchte aber daran erinnern, dass die Solea, die sozusagen die Mutter des Flamenco ist, ein eher introvertierter Rhythmus ist. Solea leitet sich ab von dem Wort Soledad, und das heißt Einsamkeit. Flamenco kommt von Volksgruppen wie den Zigeunern, die in Armut lebten und gar nicht ihre Kunst öffentlich dargeboten haben. Die Musik wurde in kleinen Gruppen oder in Familien gespielt und war eher ein emotionales Ventil. Aus Unterdrückung kann aber auch Kraft entstehen, und so drückt sich dieses Ventil vielleicht auch in Schlagtechniken wie dem Rasgeuado oder in besonderer Expressivität aus.

In keinem Gitarrenstil, der nicht mit Plektrum gespielt wird, gibt es schnellere Skalen. Kann man als Nicht-Flamencospieler da etwas von euch lernen?

Bernd Steinmann: Das ist schon eine spezielle Spielweise. Viele klassische Gitarristen wundern sich vielleicht, warum sie nicht auf dieses Tempo kommen. Das hat mehrere Gründe. Einmal hat die Flamenco-Gitarre eine deutlich niedrigere Saitenlage und lässt sich dadurch viel schneller spielen. Auch die Rasgeudeos kann man nicht so schnell auf einer normalen Gitarre spielen. Der Ton der Flamenco-Gitarre klingt - bedingt z.B. durch die verwendeten Ahorn und Fichtenhölzer -kürzer, trockener und perkussiver. Allein dadurch klingt ein Lauf schon schneller. Spiel einen Lauf genauso schnell auf einer Konzertgitarre: die Töne sind weicher, klingen viel mehr ineinander und trennen auch nicht so sauber. Auch das Temperament der Spanier spielt da wieder mit hinein. Sie reden unglaublich schnell und diese Kraft und Unbändigkeit zeigt sich vielleicht auch in ihrem Spiel. Technisch gesehen passiert der Anschlag beim Picado mehr aus dem Mittelgelenk des Fingers. Es ist also weniger Bewegung als beim klassischen Spiel notwendig, wo die Bewegung aus dem Grundgelenk des Fingers kommt. Und noch ein Tipp: Es gibt im Gehirn Bereiche für verschiedene Tempi, wie ich mir neulich ein Uni-Professor erklärte. Es bringt also oft nichts, mit dem Metronom langsam das Tempo eines Laufes zu steigern und zu hoffen, dass es irgendwann mal schnell geht. Man sollte bestimmte Dinge gleich schnell spielen und üben. Das kann man ja in kurzen Details oder Abschnitten auch ganz gut machen. Yehudi Menuhin hat einmal erzählt, dass er mit Zigeunern vom Balkan zusammen gespielt hat. Er, der große Geiger, hatte Schwierigkeiten bei deren Tempo mitzuhalten. Er musste erst sein ganzes klassisches Denken von Legato- Spiel über den Haufen werfen und sich auf die komplett andere Mentalität einstellen Musik zu machen, bevor es funktionierte. Grundsätzlich möchte ich zu diesem Thema aber noch sagen, Tempo ist nicht alles. Die Musik sollte im Vordergrund stehen und nicht der Anspruch, alles möglichst schnell spielen zu können.

Hast du Vorbilder im Flamenco?

Bernd Steinmann: Mein Vorbild sind die Musik und der Anspruch, die Stücke gut zu gestalten. Wenn du nach Gitarristen fragst, die mir gefallen, so fallen mir spontan ein Paco de Lucia und Vicente Amigo. An Vicente gefällt mir besonders sein schönes lyrisches Spiel. Er spielt auch mal ein Rubato, und bei ihm steht die Technik nicht im Vordergrund, obwohl er natürlich technisch perfekt ist.

Du hast selbst bereits drei CDs herausgebracht - da höre ich auch eher einen lyrischen Sound.

Bernd Steinmann: Ja, das ist auch eher mein Stil. Es kommt übrigens demnächst eine vierte CD mit der Mezzosopranistin. Da gehe ich wieder mehr in den klassischen Bereich mit einem Programm von John Dowland bis Garcia Lorca oder de Fatla. Bei den Kompositionen der beiden Letzteren wende ich übrigens Flamenco-Techniken an. Da kommt es also zu der Stilmischung, die du vorher angesprochen hast. Beide Komponisten haben sich ja auch sehr mit Flamenco auseinander gesetzt, speziell mit dem Cante Jondo, dem Gesang im Flamenco. Es gibt zum Beispiel das Stück „Polo“, das aus dem Flamenco stammt und ein Ableger der Solea ist.

Welche Gitarren spielst du?

Bernd Steinmann: Für die Klassik benutze ich eine Weissgerber von 1931, und Flamenco und Klassik spiele ich auf einer Miguel Rodriguez aus Cordoba. Für Flamenco habe ich noch eine Morales aus Granada und eine Mitsuro Tamura. Außerdem habe ich noch eine Takamine mit Tonabnehmersystem.

Gibst du auch Flamenco-Unterricht?

Bernd Steinmann: Ja, ich unterrichte an der Hochschule in Wuppertal in Form von Workshops. Das ist eigentlich ein Wahlfach für die Studenten dort. Trotzdem ist der Unterricht offen für alle interessierten Gitarristen. Man muss kein Profi sein, um teilnehmen zu können. Meistens findet der Workshop am Samstagvormittag statt. Man kann mich auch gerne in der Folkwang-Hochschule in Essen besuchen und zusehen, wie ich den Tanzunterricht begleite.

Vielen Dank für das Gespräch.


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